Geschichte des Hermann Hesse-Literaturpreises
Die „Förderungsgemeinschaft der deutschen Kunst e.V. Karlsruhe“ hatte 1956 angeregt, zum 80. Geburtstag Hermann Hesses (1877–1962) am 2. Juli 1957 einen nach dem in Calw geborenen Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 1955 benannten Literaturpreis zu stiften. Daher bemühten sich Vertreter der „Förderungsgemeinschaft“ um die Zustimmung des Frankfurter Hesse-Verlegers Peter Suhrkamp, in dessen Haus gerade die erste siebenbändige Gesamtausgabe der Werke des Dichters erschienen war. Suhrkamp knüpfte seine Bereitschaft an das Einverständnis Hermann Hesses, das der Nobelpreisträger des Jahres 1946 auch umgehend gab: „Mit dem Karlsruher Hessepreis bin ich einverstanden. Da die junge Dichtung damit etwas gewinnt, mag sie durch meinen Namen immerhin an Vergangenheit und Tradition erinnert werden.“
Die Stiftung des Preises wurde am 2. Juli 1956 im Spiegelsaal des
Kurhauses Baden-Baden, der auch Ort der ersten beiden Preisverleihungen
werden sollte, offiziell verkündet. Peter Suhrkamp plädierte
in diesem Rahmen dafür, den Preis nicht auf die Bundesrepublik zu
beschränken, sondern den ganzen deutschsprachigen Raum und damit
die Deutsche Demokratische Republik mit einzubeziehen, wie die
„Badischen Neuesten Nachrichten“ berichteten:
Die Menge der heutigen Preise habe dazu geführt, daß die Öffentlichkeit
kaum noch Notiz von einer Auszeichnung nimmt, oder gelegentlich noch
für den Tag. Und da es gar nicht so viel auszuzeichnende Autoren und
Werke geben kann, wie Auszeichnungen zu verleihen sind, vereinigt ein
kleiner bevorzugter Kreis von Schriftstellern alle Preise auf sich. Es
braucht nur einer nur einmal einen Preis bekommen zu haben, und er hat
Aussichten auf einige weitere [...]. Die Lage der Schriftsteller habe dazu
beigetragen, daß die Literaturpreise heute bei uns, mit ein oder zwei Ausnahmen,
die Funktion eines sozialen Regulators haben. Sie erfüllen
schlecht eine Verpflichtung, die eigentlich die allgemeine Öffentlichkeit
hat, wenn ihr die Kultur so viel bedeutet, wie sie glauben machen möchte.
(Badische Neueste Nachrichten, 3. Juli 1956.)
Der erste Vorsitzende der Förderungsgemeinschaft, Professor Hermann Backhaus (1885–1958), betonte, daß die Kunst einer Förderung bedürfe, diese jedoch am wirksamsten sei, wenn sie der privaten Initiative entspringe. Der Vizepräsident, Fabrikant Alfred Neff, sah die Stiftung in dem Bemühen um die Vielseitigkeit des Schöpferischen, des Kampfes um die Freiheit geistigen Schaffens und neuen Formen menschlichen Zusammenlebens begründet.
Als der Hermann Hesse-Preis 1957 erstmals ausgeschrieben wurde,
war er mit 10.000 DM einer der höchst dotierten Literaturpreise
im deutschsprachigen Raum. Zu den Stiftern des Preises zählten unter
anderem Industrieunternehmen wie BASF Ludwigshafen und
Brown Boveri & Co., verschiedene Banken wie die Badische Bank, die
Commerz- und Credit Bank, die Deutsche und die Dresdner Bank, die
beiden Energieversorgungsunternehmen des Landes, die Industrieund
Handelskammer Karlsruhe, die Arbeitsgemeinschaft Karlsruher
Buchhändler und Berthold Markgraf von Baden. Zur Jury gehörten
anfänglich der in Stuttgart lehrende Literaturwissenschaftler Fritz
Martini (1909–1991), der Theaterkritiker Georg Hensel (1923–1996)
und der in Berlin Literaturwissenschaft lehrende Schriftsteller Walter
Höllerer. Auf die ursprünglich beabsichtigte Beteiligung eines Vertreters
des Suhrkamp-Verlages wurde verzichtet, um nicht den Anschein
einer möglichen Interessenskollision zu erwecken. Dennoch war der
erste Preisträger ein Suhrkamp-Autor. Der junge Schriftsteller Martin Walser reichte seinen ersten Roman Ehen in Philippsburg satzungsgemäß
in Manuskriptform ein; er wurde noch im selben Jahr im Suhrkamp-
Verlag veröffentlicht. Hinweise auf ein großes Theater und eine
Rundfunkanstalt machen deutlich, daß sich Walser an der Landeshauptstadt
Stuttgart als Hintergrund seines literarisch-soziologischen
Psychogramms der sich formierenden Wirtschaftswundergesellschaft
orientierte. Bei der Preisverleihung am 2. Juli 1957 bekannte Walser,
daß der Autor Laster und Schwächen seiner literarischen Personen in
sich bergen müsse:
„[...] was ihm als Wirklichkeit begegnet, muß [...]
als Möglichkeit in ihm vorhanden sein. Der Romanschreiber muß ein
unbestechlicher Beobachter sein, aber auch ein Mitleidender.“
(Badische Neueste Nachrichten, 4. Juli 1957.)
Ab 1960 veränderten sich, wie Alfred Neff ausführte, die Statuten
des Preises:
Um die außergewöhnlich hohe Anzahl der alljährlich wiederkehrenden
Literaturpreise nicht um einen weiteren, wenn auch finanziell bedeutenden
Preis zu vermehren, haben wir uns schon damals entschlossen, diesen
Preis alle fünf Jahre auszuschreiben.
(Lindemann, Klaus E. R. (Hg.): Literarisches Forum. Der Hermann Hesse-Preis. Ein Lesebuch, Karlsruhe 1993, S. 19.)
Der auf Martin Walser folgende und dem gleichen Jahrgang angehörige
Preisträger Ernst Augustin (geb. 1924) war mehrere Jahre in
Pakistan und Afghanistan als Arzt tätig gewesen. Er erhielt den Hesse-
Preis für seinen, in surrealer Tradition stehenden Debütroman Der
Kopf (1962), der die Erlebnisse des Versicherungsvertreters Türmann
erzählt. Türmann wandelt durch Zerstörung und Tod, bis er feststellen
muß, daß sich seine Geschichte im Kopf eines anderen vollzieht.
Zu der am 1. Juli 1962 in Baden-Baden stattfindenden Preisverleihung
sandte Hermann Hesse ein persönliches Grußwort, in dem er nochmals
den Aspekt der Förderung junger Autoren betonte:
Die Kluft zwischen Jung und Alt ist heute wohl auf keinem Gebiet so tief
wie in dem der Kunst und der Dichtung, da mag ein Anlaß wie der heutige
willkommen sein als Zeichen einer Überbrückung der Gegensätze. [...]
(Badische Neueste Nachrichten, 3. Juli 1962.)
Die Ehrung verschaffte Augustin einige Aufmerksamkeit, mit dem
Kleist-Preis konnte er jedoch erst 1989 eine weitere große literarische
Auszeichnung entgegennehmen. 1965 fand der Festakt erstmals im Bürgersaal des Karlsruher Rathauses statt. Der 250. Geburtstag der
Stadt und der Sitz der Förderungsgemeinschaft in Karlsruhe hatten
hierfür den Anlaß geboten. Die Jury, der mittlerweile unter anderen
Hans Schwab-Felisch, Wolf Jobst Siedler (1926) und – einmalig – Helmut
Heißenbüttel angehörten, prämierte den in Hamburg aufgewachsenen
Schriftsteller Hubert Fichte (1935–1986). Für den Dreißigjährigen
war es die erste große literarische Anerkennung. Sie galt
seinem Debütroman Das Waisenhaus (1965):
Schwester Silissa schob die Perle des Rosenkranzes weiter. Aus den Mündern
stieg weißer Atem auf. Es fing in den Steinen des Kirchturms zu
brummen an. Die Schwestern beteten laut. Einige Mädchen beteten mit.
Die Stöße des weißen Atems beschleunigten sich. Die Schwestern und die
Waisenhauszöglinge beteten nicht laut genug. Das Brummen wurde stärker.
Detlev fühlte es mit den Händen, mit dem Rücken an den Steinen.
Das Beten wurde leiser. Das Brummen blieb. Die Schwestern bewegten
die Lippen, ohne Töne hervorzubringen. Sie schoben die Perle des Rosenkranzes
weiter. Die Zöglinge hörten zu beten auf. Sie sahen in die Flammen
der Gewitterkerzen, die der Atem von allen Seiten stieß. Das Brummen
hörte auf. Die Schwestern steckten die Rosenkränze zwischen die
Falten ihres Habits.
– Nun ist es vorüber.
– Ich habe mir gleich gedacht, daß es nicht lange dauern wird.
Der erste Knall war nicht laut gewesen. Die Flamme der Kerzen wurde
dadurch nicht unruhiger. Erst als der Atem schneller ging, schlugen die
Kerzenflammen hin und her. Detlev fühlte das Zucken in den Steinen. Er
sah in das unverputzte Gewölbe des Kirchturms hinauf. Mit jedem Knall
senkte sich das Gewölbe ein Stück auf Detlev herunter. Anna sprang zu
den Kerzen in der Mitte des Raumes. Sie wollte sich in die Hand beißen.
Schwester Appia und die Schwester Oberin hielten Annas Arme zurück.
(Fichte, Hubert: Das Waisenhaus, Frankfurt am Main 1977, S. 90f.)
Fichte erzählt die Geschichte des protestantisch erzogenen Jungen Detlev, Sohn eines jüdischen Vaters, der während des Zweiten Weltkriegs von seiner Mutter in einem bayrischen Waisenhaus versteckt und dort einem strengen, katholischen Reglement ausgeliefert wird. Damit eröffnete Fichte den Zyklus seiner Romane, deren Hintergrund die Biographie des Autors selbst ist: Die Palette (1968) und Detlevs Imitationen, ,Grünspan‘ (1979) folgten. Als Sprecher der Jury würdigte Hans Schwab-Felisch den Roman als Parabel einer vaterlosen Generation. Er betonte zugleich, daß die Qualität und Quantität der eingereichten Arbeiten ein deutliches Zeichen dafür seien, „daß der Hermann Hesse-Preis trotz seiner kurzen Tradition ernst genommen werde“. (Badische Neueste Nachrichten, 3. Juli 1965.)
1967 wurden die Statuten erneut geändert. Erstmals sollten auch geisteswissenschaftliche Arbeiten ausgezeichnet werden. 1968 erhielt den Preis der 34jährige Schweizer Philosoph Hans Saner (geb. 1934), der persönliche Assistent von Karl Jaspers (1883-1969), für sein noch unvollendetes Werk Kants Weg vom Krieg zum Frieden. Diese Entscheidung der Juroren Ralf Dahrendorf (geb. 1929) und Waldemar Besson (1929–1971), Professoren der Universität Konstanz, Otto Gillen (1899–1986), Kulturredakteur der Lokalzeitung „Badische Neueste Nachrichten“, und Hans Schwab-Felisch ist aus heutiger Sicht überraschend, hatten doch Autoren wie Thomas Bernhard (1931–1989), Barbara Frischmuth (geb. 1941), Hans Jürgen Fröhlich und Thaddäus Troll ihre Manuskripte eingereicht. Unter den eingesandten geisteswissenschaftlichen Arbeiten befand sich die später vielbeachtete Analyse des deutschen Nachkriegsbewußtseins von Alexander (1908– 1982) und Margarete Mitscherlich (geb. 1917), die unter dem Titel Die Unfähigkeit zu trauern (1967) als Buchpublikation erschienen ist. Seit 1967 beteiligte sich die Stadt Karlsruhe komplementär an den Kosten des Hermann Hesse-Preises. Aus der privat initiierten Kulturförderung war innerhalb von zehn Jahren, wie es der Karlsruher Oberbürgermeister Günther Klotz (1900–1972) formulierte, „eine glückliche Verbindung zwischen privatem Mäzenatentum und öffentlicher Förderung“ geworden, „die auch für andere Gebiete beispielhaft sein könnte.“ (Lindemann, Klaus E. R. (Hg.): Literarisches Forum. Der Hermann Hesse-Preis. Ein Lesebuch, Karlsruhe 1993, S. 72.)
Der Hermann Hesse-Preis hatte jedoch inzwischen durch die Statutenänderung einiges von seinem Renommee und Profil eingebüßt. Ende der sechziger Jahre wurde der Bedeutungsverlust offenkundig, der – entgegen der ursprünglichen Vorgaben – durch die Auszeichnung älterer, bereits etablierter Autoren verhindert werden sollte, was auch gelang. 1994 wurde der Hesse-Preis in eine eigenständige Stiftung überführt, die Preisvergabe erfolgt im Rhythmus von zwei Jahren.
Der Text ist dem Band "Ein Bild der Zeit. Literatur in Baden-Württemberg. 1952-1970. Hrsg. von Hansgeorg Schmidt-Bergmann und Peter Kohl im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe. Info Verlag, Karlsruhe 2002" entnommen.

